Eine Muschel muss sich öffnen, um ihre Perle preiszugeben
  Startseite
    Gedichte
    Gedanken
    Kurzgeschichten
  Über...
  Archiv
  Kontakt
  Abonnieren

    lilleskat
    fallen-dream
    - mehr Freunde

   Mein Esoterik-Online-Shop
   Mein Gedichtband
   Meine Grußkarten
   Idas Hundeleben
   Kathis Schreibversuche
   Illes Impressionen

http://myblog.de/dichter-am-leben

Gratis bloggen bei
myblog.de





Ich bin der Engel der Nacht

Manchmal gehe ich die Straßen der Stadt entlang, wenn Sommer ist. Die Sonne verfinge sich vielleicht in meinem roten Haar und würde wohl Muster in meine helle Haut brennen. Aber ich bin körperlos. Ein Medium aus Luft und Liebe. Ein Engel, der lebt auf den Schwingen des Windes. Ich habe leider nur einen Flügel, aber der Wind ist mein Freund und trägt mich zu den Menschen.

So schlendere ich von Haus zu Haus – unsichtbar – begleitet von einer leisen Melodie, die in mir klingt wie eine Spieluhr. Und ich frage mich, wenn ich ein Herz hätte, ob es aus Glas wäre, um so klar zu tönen.

Plötzlich sehe ich Augen, die sprühen. Lauter kleine Lichter brennen in ihnen. Es sind die Augen eines Mannes. Und er scheint mich zu sehen! Er spricht mich an. Ich bin verwirrt.

Er bittet mich herein und wir unterhalten uns. Ich lerne gerne Menschen kennen. Sie sind so sonderbar gefühlvoll und körperlich.

Dieses Exemplar hat einen besonders schönen Körper. Ich glaube, ich würde diesen Mann gern berühren, wenn ich eine Frau wäre. Er duftet unwiderstehlich und vermutlich fühlt er sich genauso gut an. Sein Lächeln ist offen und herzlich.

Wieso sieht er mich? Das kann nur bedeuten, ich hab einen neuen Auftrag. Ich freue mich. Der zweite Auftrag für mich und wieder jemand, den ich auf den ersten Blick mag.

Also rede ich mit ihm. Dann berührt er mich. Ich habe plötzlich Gestalt angenommen. Fleisch und Blut umgibt meinen Geist. Ich lebe wieder, atme auf und es ist herrlich.

Ich sehe seine Lippen näher kommen und neige mich ihm entgegen. Er schmeckt männlich herb und macht Appetit auf mehr. Wie lange habe ich mich danach gesehnt!

Wir legen uns ganz nah zueinander. Wir verschmelzen Haut an Haut und die Zeit steht still für Stunden. Er berührt mich überall mit seinen Händen, seiner Zunge. Er packt meine Haare und ich spüre ihn mit jeder Faser meines neuerwachten Leibes. Ich kann ihn leider nicht in mir aufnehmen. Schon als kleines Engelchen haben sie mich gelehrt, Engel müssen jungfräulich bleiben, denn das Durchstoßen der äußeren Hülle würde den Zauber zerstören. Aber ich kann ihn küssen, riechen, schmecken, lecken und streicheln. Am liebsten würde ich nie mehr aufhören.

Ein neuer Tag bricht an. Er hält mich in seinen Armen und sagt mir, es war wunderbar.

Es war – wie Recht er hat. Ich bin plötzlich traurig. Ich weine wie ein Mensch und er weiß nicht, warum. Ich frage ihn: „Warum ich? Du könntest tausend andere haben!“ Aber er weiß keine Antwort. Wie auch? Er weiß doch nicht, dass ich ein Engel bin. Ein fleischgewordener flüchtiger Traum in seinen Händen. Und ich bin betrübt und glücklich zugleich, dass er mich und keinen der tausend anderen Engel berührt hat.

Dann fliege ich davon. Mein Körper hat sich aufgelöst wie der Schmerz. Ich bin stolz und leicht. Wie eine Feder erhebe ich mich in den lauen Sommermorgen. Mein Auftrag ist erfüllt und ich bin reichlich entlohnt worden.

Ich bin der Engel der Nacht. Ich fliege jetzt höher und weiter. Der neue zweite Flügel wird mich manchmal an ihn erinnern.

 

15.10.06 22:55
 



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung