Eine Muschel muss sich öffnen, um ihre Perle preiszugeben
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Tür an Tür mit Alice

Ich bin umgezogen. Wieder mal. Andere haben Hobbys. Ich ziehe um. Mal in größere, mal in kleinere Wohnungen. Dieses Mal in ein Single-Haus. Die Ein-Zimmer-Individualisten-ohne Bett(gefährten)-Idylle. Ein Doppelbett könnte man hier gar nicht aufstellen, höchstens hochkant. Könnte auch interessant sein, Sex im Stehen und trotzdem kann man vor Wollust ins Kissen beißen. Aber was soll die Phantasie ohne Objekt der Begierde.

Zum Glück gibt es ja Nachbarn. Meinen zum Beispiel. Ich wohne nämlich „Tür an Tür mit Alice“. Mein Musikgeschmack ist wohl nicht jedermanns Sache. Aber Howies Schlager drängte sich ungewollt in mein Ohr, als ich ihn das erste Mal sah – Alice. 

Das Y-Chromosom hat er mit Alice Cooper gemeinsam. Aber leider besitzt er nur den Sexappeal von Alice im Wunderland. Irgendwie hilflos, kein Objekt für meine hochkantigen Phantasien.

Ich vergaß ihn genauso schnell, wie ich ihn desinteressiert gemustert hatte. 
Bis es eines Tages an meiner Tür klingelte. Neugierig öffnete ich. Da stand er – Alice.

Ziemlich verlegen und zugeknöpft hampelte er vor mir rum und fragte mich, ob es bei mir brennen würde? Hach, so viel Wortwitz hätte ich ihm gar nicht zugetraut. Die Neugier brannte schon, aber ansonsten fühlte ich bei seinem Anblick lediglich eine Sparflamme in mir züngeln.

„Nein, da brennt nichts. Wie kommen Sie darauf?“ Er faselte was von angebranntem Geruch und ob ich nichts bemerkt hätte. In Gedanken ging ich alles durch, was hier angebrannt sein könnte. Ich koche selten. Und selbst ich schaffe es nicht, die 5-Minuten-Terrinen des promovierten Hr. Oetker anbrennen zu lassen. Das war es sicher nicht. Können Vibratoren so heiß werden, dass der Nachbar es riecht? Ich hoffe nicht, wagte aber auch nicht, ihn danach zu fragen.

Also musste ich einfach erwidern, dass ich nicht wüsste, was er meinte. Im tiefsten Herzen ist Alice wohl ein Romantiker. Der Gedanke drängte sich auf, als er mich fragte, ob ich vielleicht eine Kerze angezündet habe? Aber was hätte dies mit seinem „das Haus wird gleich auf die Grundmauern abbrennen“-Verdacht zu tun? Ikea-Kerzen tropfen nicht und ihre Flammen haben ihren bestimmungsgemäßen Herd in Gestalt meines eisernen Kerzenständers auch nie verlassen. Ja, ich weiß wie man Brand definiert, grinste ich still in mich hinein.

Alice rümpfte seine Nase ein weiteres Mal und ich tat es ihm gleich, in der Hoffnung, ein paar noch nicht in seinen Riechkolben eingesogenen Aromapartikel des von ihm befürchteten Großbrandes zu erhaschen. Das einzige, was ich roch, war ein Räucherstäbchen, welches ich vor Stunden abgebrannt hatte. Entweder habe ich dies laut gesagt, oder mein direkter Nachbar ist nicht nur ein Feuerriecher, sondern auch ein Gedankenleser. „Haben Sie vielleicht ein Räucherstäbchen abgebrannt?“ Nein, nicht vielleicht, ganz sicher hab ich das, dachte ich. „Ja“ sagte ich laut, unmissverständlich und ohne das geringste schlechte Gewissen. Nebenbei versuchte ich dennoch darüber nachzudenken, ob das erlaubt sei in Single-Wohn-Komplexen. Aber mir fiel keinerlei Hausordnungsparagraph ein, den ich verletzt haben könnte. Tierhaltung ist verboten, aber von Messer, Gabel, Schere, Licht, die nicht in Single-Frauen-Hände gehören, hatte ich nichts gelesen.

Ich begann eine vorsorgliche Entschuldigung zu murmeln, nur für den Fall, dass er die Hausordnung besser kannte oder sich irgendwie gestört fühlte von wabernden, zumindest mir angenehmen, Opiumdüften.

Einmal mehr in meinem Leben hatte ich Glück. Während andere Nachbarn Streitfälle aus kleinen hässlichen Gartenzwergen, zu ausladenden Obstbäumen oder sächsischen Maschendrahtzäunen generierten und vor Gericht austrugen, nahm Alice meine Entschuldigung an. Er ging umgehend und ward nicht mehr gesehen.

Zumindest lebe ich jetzt mit dem sicheren Gefühl, nicht unbemerkt in meiner Wohnung zu verkohlen und wenn ich abends ein Räucherstäbchen anzünde, muss ich manchmal grinsen.

1.11.06 20:25
 



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